Über den Tellerrand hinaus
Ex-Bundeskanzler for One Day
Thomas und ich hatten letzte Woche wieder ein Treffen zu The Third Club und Craft & Vision. Wiedermal haben wir uns darüber gewundert, wie sehr die meisten (Top-)Manager in Agenturen und Unternehmen dem Tagesgeschäft verhaftet sind. Wie sehr sie sich damit selbst im Wege stehen. Wie sehr sie damit dem Erfolge selbst im Wege stehen. Und sie merken es nichteinmal mehr.
Kein Wunder. Wie auch, wenn sie nie den Blick auf den Horizont werfen, nie die aufgehende Sonne in der Dämmerung sehen, nie das Licht am Ende des Tunnels? Die Augen immer auf die eigenen Stiefel, das tagesgeschäftliche Dickicht vor den eigenen Füßen gerichtet haben. Den Kopf gebeugt, den Nacken verspannt, das Rückgrat weich, die Haut ungesund und trocken.
Sie zwar so nicht taktisch stolpern, strategisch aber auf dem vollkommen falschen Wege sind. Sie den Blick für das Wesentliche verloren haben, sich aber damit retten, doch schneller zu sein als die anderen Gregor Samsas, die da unten am Boden des Erfolges mit ihnen um die Wette kriechen. Ein schwacher Trost.
Wir kamen über die Diskussion zu Christian Wulff und den immensen Schatz an Möglichkeiten, den die meisten Bundespräsidenten verschenken, indem sie eben nicht über sich hinauswachsen, auf Ex-Bundeskanzler (oder amerikanischen Ex-Präsidenten), die wir aufgrund ihrer Weisheit und ihres Weitblickes bewundernd Elder Statesmen nennen.
Mit all ihrem Wissen, ihrer Intuition, ihren Mustererkennungs- und Synthese-Fähigkeiten haben sie nun kein umfängliches Tagesgeschäft mehr, können erstere Fähigkeiten auch wirklich nutzen. Schweben über den Dingen. Erkennen Zusammenhänge, Lösungen, neue Wege. Versuchen ihre Nachfolger zu bekehren, und irgendwie auch sich selbst in jüngeren Jahren.
Ohne die Eisenkugeln des Tagesgeschäftes an den Knöcheln, kann man plötzlich hochspringen, immer wieder und wieder, und immer länger und länger oben bleiben. Bequem über diese Wände des Labyrinthes hinwegschauen, gegen die man gestern noch angerannt ist. Nicht nur sehen, wie die anderen weiterhin sich an diesen Mauern die Köpfe einschlagen, nicht nur den Ausgang, die Lösung, das Ziel klar vor Augen haben, sondern auch den anderen Leuchtfeuer sein auf ihrem Wege, sie inspirieren, es einem gleichzutun.
Man dreht sich zudem nicht mehr im eigenen Safte, sondern hat plötzlich Zeit für dieses gestern noch als unnütz abgetane Wissen. Erkennt Zusammenhänge über die Branche, den eigenen Markt hinaus. Man begeistert sich für Ideen aus Musik, Kunst, Literatur, die man aufeinmal nicht mehr nur als Ablenkung, sondern als Lösungen erkennt.
Die Welt wird eine völlig andere, fällt aus dem altbekannten Rahmen, man erkennt das gestrige Silodenken und tauscht es gegen die kindliche Neugier, Beginner's Mind, neue Kontexte.
Anders aber - oder gar wie oben beschrieben - kann man überhaupt keine Agentur führen, oder eine Marke, oder ein Land.
Schade, dass das die Kanzler, Präsidenten und (Top-)Manager erst merken, wenn es zu spät ist, sie aus dem Amte gewählt oder getrieben wurden, da sie sich nicht die Zeit nahmen, zu verstehen, was dieses Amt wirklich von ihnen verlangt ... den Blick zu heben ... über den Tag hinaus zu agieren ...
Während ich allein wg dieser Freiheit, dieses anderen Blickes, Denkens und Kreierens 2005 aus der Agentur ausstieg, empfehle ich den heutigen Managern nicht ganz so radikale Schritte, aber zumindest den einen Tag pro Woche, an dem jeder mal Ex-Bundeskanzler sein sollte, über den eigenen Tellerrand, den eigenen Horizont hinausgucken sollte, Zusammenhänge und Mosaiksteinchen neu ordnen, die neuen Muster erkennen, den Kompass rekalibrieren, dem Umfeld neue Inspiration sein sollte ...
Dieses Investition von 20% der eigenen Zeit bringt 100%ig neue Erkenntnisse. Bringt einen Quantensprünge voran. Lässt einen im wahrsten Sinne des Wortes die Welt mit neuen Augen sehen. Nichts wird heute dringender benötigt.



18.01.2012 - 12:26 Uhr
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